Unterwegs in Sexy-Anhalt

"Wer aber nach der Lektüre dieser entzückenden kleinen Schlaglichter Sachsen-Anhalt noch immer nicht leibgewonnen hat, der hat ein Herz aus Scheiße."

Joseph Wälzholz (Die Welt)

Sachsen-Anhalt ist sexy! Seit 2008 berichtet Bernhard Spring für ein Berliner Magazin über das unbekannte Bundesland zwischen Harz und Heide. Aus eigenem Erleben und mit einem ordentlichen Augenzwinkern. Hier gibt es eine Auswahl der Kolumnen zum Nachlesen.

Braunsbedra

Diese Stadt ist ganz düster. Seit knapp zwanzig Jahren gibt es sie inzwischen, durch zahlreiche Eingemeindungen der nicht weggebaggerten Tagebausiedlungen ist sie auf 12.000 Einwohner gewachsen und erstreckt sich um den östlichen Teil des Geiseltalsees, dieses größten künstlichen Sees Deutschlands, der jetzt Naherholungsgebiet werden soll. Für Braunsbedra springt dabei ein Hafen heraus, neue Siedlungen sollen entstehen und durch den Zuzug finanzkräftiger Neubürger wird dann die ganze Wirtschaft hier unten im Saalekreis explodieren. Ganz bestimmt.

Aber der Boom boomt in Zeitlupe. Die meisten Siedler, die sich ein Häuschen mit Seeblick kreditfinanziert errichten, kommen aus Braunsbedra selbst, sind den ewiggleichen Platten entflohen, die sich über die ganze Stadt verteilen. Dort, zwischen den drei- und vierstöckigen Häuserzeilen, wo hinter jedem Fenster eine Kummeroma sitzt und in jeder Tür eine rauchende Jogginghose steht – da ist es richtig finster, da boomt überhaupt nichts.

Auch das Stadtzentrum scheint mehr auf Verfall als auf Aufschwung eingerichtet zu sein. Am Marktplatz, der eigentlich gar kein Platz ist, sondern von einer zweistöckigen Passage überdeckt wird, sitzen der Optiker und der Bestatter, die Kurzzeitpflege und die Tagespflege, das Rathaus direkt gegenüber der Fußpflege. Im einzigen Café im Karree heißt die Kellnerin „Garmen“ und wird von jedermann geduzt, auch von den beiden Polizistinnen, die bei ihr mit „Ma‘ ma‘ ein Eis“ den drögen Dienst auflockern. Und die trotz gefunktem Einsatzkommando warten, bis „Garmen“ beide Portionen zurechtdrapiert hat. „Nee, bei mir keene Sahne, die jehd jleich off de Hifde“, sagt die dünnere Polizistin noch, dann trotten sie gemütlich Richtung Einsatzwagen.

Schaurige Aussicht über die Stadt: Direkt an der Landstraße steht das Seniorenhaus „Geiselblick“ mit Blick auf ebenjene Hauptverkehrsader und die Gnadenkirche dahinter. Dort liegen alle Vermeldungen auch in Russisch aus. Alte Gewohnheit oder Andrang der frommen Spätaussiedler? Niemand, den man fragen könnte.

Und der Typ am Bahnhof weiß auch nichts. iEr wartet zwanzig Minuten, bis der Zug kommt, um dann den Bahnhof in Richtung Stadt zu verlassen. So ähnlich scheint es hier mit dem Aufschwung zu sein: ein Warten, ein desillusioniertes Hoffen – und die einmalige Gelegenheit zum Fortkommen zieht ungenutzt an Braunsbedra vorbei.

Magdeburg

In Magdeburg gibt es viele schöne Ecken – sagen die Magdeburger. Und das mag ja auch stimmen, wenn man das heutige Magdeburg mit dem vor zehn oder gar zwanzig Jahren vergleicht. Aber wenn man Magdeburg mit irgendeiner anderen Stadt vergleicht – braucht man schon einen ordentlichen Schwips oder eben eine noch ordentlichere Jugendliebe, um Magdeburg etwas abgewinnen zu können.

Dann aber, an die Hand einer jungen-hübschen-fröhlichen Frau geschlenkert, ist die Stadt eine Wucht. Jede Schrebergartenkolonie wird zum Elbauenpark, jede Betonplatte zum Hundertwasserhaus. Die breitgewalzten Stalin-Alleen bekommen fast schon etwas Intimes, wenn sie verträumt von einer der zahlreichen Eisdielen aus betrachtet werden. Geradezu erhaben schweift der Blick vom frisch herausgeputzten Domviertel über die Elbe, und selbst bei dem verfallenen Schuppen am Bahnhof Südost kommt plötzlich eine kleine romantische Stimmung auf.

Der Platz vorm Bahnhof heißt Willy Brand wie in Leipzig. Etwas weiter gibt es einen Alex wie in Berlin. Und doch entfaltet Magdeburg plötzlich so etwas wie einen ganz eigenen Charme. Erwischt!

Aber halt – das sei verliebt überall so? Dieser kindlich-doofe Blick durch die rosa Brille? Jaja, aber ist es nicht ein Wunder, dass die Liebe so was auch in Magdeburg schafft?

Naumburg

Wer sich in der Literatur halbwegs auskennt, weiß, dass Hans Natonek diese Stadt als „Pensionopolis“ bezeichnet hat. Naumburg, die Stadt der Hotels? Aber nein, Natonek meinte vielmehr die Atmosphäre, die gedämpfte. Natonek ist seit genau fünfzig Jahren tot, sein Urteil alt. Naumburg aber ist dennoch „Pensionopolis“ geblieben. Und das bedeutet: Hier braucht alles seine Zeit, auch die Erkundung, für einen Quicky ist die Stadt nicht zu haben.

Lokal bekannt ist Naumburg als Kreisstadt vom Burgenland, regional bekannt für sein Hussiten-Kirschfest, das leider die längste Zeit freien Eintritts war, national bekannt als langjähriger Wohnort von Nietzsche und international bekannt für seinen Dom, genauer: für seine Domfiguren. Oder nur eine? Uta … Selbst wer gar nichts mit Naumburg anzufangen weiß, kennt doch diese manikürte Dame mit dem aufgeschlagenen Kragen: eine schmale, gerade Nase, hohe Wangenknochen, ein etwas mokierter (kapriziöser?) Blick. Die Audrey Hepburn des Mittelalters. Schön, aber … wahrscheinlich ziemlich anstrengend.

Wer bei einem Glas des hiesigen Saale-Unstrut-Weins in einer der Kaschemmen am Markt in sich geht oder wer an den Mauerresten entlang der Ringstraßen flaniert, kurz: wer das sächsisch-gemütliche Flair von „Pensionopolis“ zu genießen weiß, wird sich kaum für Uta, die Allerwelt-Schönheit, begeistern können. Der schwärmt für Reglindis, die andere Dame im Dom. Pausbäckig kommt die polnische Prinzessin daher, mit kessem Blick spielt sie an ihrem Mantel. Sieht aus, als würde sie gut backen können. Oder zumindest gern mittrinken. Macht sie den Mantel auf oder zu? Und was sie wohl dabei denken mag? Ach, da fällt gleich so viel ein … Schenken Se noch ma nach, jaja!

Naumburg ist schön! Weil es noch so viel alte, herausgeputzte Bausubstanz hat. Begrünte Innenhöfe, ineinander verschlungen übergehende Zwischengeschosse, das Knarren alter Treppen, feuchter Geruch aus dem Weinkeller und, ja, ein noch feuchterer, feucht-fröhlicher Abend im goldenen Oktober. Die Saale plätschert (hier tatsächlich!) fröhlich durch den Blütengrund … Hier lässt es sich für den Moment glatt romantisch sein – Herz, was begehrst du mehr?

Stendal

Früher gab es viele Städte in der Altmark. Gotische Backsteinkathedralen und Hanseheimatfeste künden noch in der kleinsten Dorfgemeinde vom einstigen Glanz dieser Region. Inzwischen aber ist Stendal die einzig übriggebliebene Stadt im weiten Norden Sachsen-Anhalts. Alle anderen Orte sind kaum der Rede oder überhaupt nicht des Besuchs wert.

Stendal fungiert in erster Linie als Dreh- und Angelpunkt der Altmark. Der örtliche Bahnhof spielt für den regionalen Verkehr eine herausragende Rolle, die Hochschule, das Theater, das Kino, der Dom: Ohne Stendal hätte die Altmark nichts außer Kohlrüben und Wölfe.

Die Stadt selbst kommt erstaunlich geduckt daher. In der Innenstadt überragen steile Kirchen die niedrigen Häuser. Das Rathaus prunkt am Marktplatz, im Café gibt es Kalten Hund und Altmärker Hochzeitssuppe, auch ohne Trauschein. Enge, gewundene Straßen mit seltsamen Namen führen vom Platz zu den vielen Toren der einstigen Stadtmauer: Hoock, Karnipp, Wüste Worth – Das plattdeutsche Erbe der Stadt dringt nach wie vor durch.

Überhaupt die Geschichte: In Stendal erinnert nichts daran, dass hier einst Albrecht der Bär auf Hasenjagd ging, der Alte Fritz das Querflötenspiel erlernte und Napoleon gleich zwei Mal im ersten Hotel am Platz übernachtete (da, wo heute ein Beate-Uhse-Laden drin ist). Selbst an Stendals bekanntesten Sohn, den Schriftsteller Ludwig Turek, erinnert nichts. Stattdessen widmet sich die Stadt ganz dem Gedenken an den Archäologen Johann Joachim Winckelmann, der sich in Italien beraubmorden ließ (er zeigte einem kleinkriminellen Stricher seine wertvolle Münzsammlung) und dem in seiner Heimatstadt ein Museum gewidmet ist.

Lohnt es sich also, Stendal zu besuchen? Im Fahrradladen werden auch Waffen verkauft. Im Tiergarten heißt es: „Achtung, Tiger spritzt mit Urin“ und irgendein Museum hat natürlich immer zufällig heute gerade geschlossen. Aber ja, ein Stück Kalten Hund durchzusäbeln und sich dabei zu freuen, hier nicht für immer leben zu müssen, ist nirgendwo so erfrischend wie in Stendal.

Wettin

Wettin, Hauptort der Agrarstadt Wettin-Löbejün … Selbst der glücklichste Besucher würde hier an einem regnerischen Tag Selbstmord begehen, wenn dieser Ort keinen Friedhof hätte und der arme Fremde nicht fürchten müsste, auf alle Zeit in diesem schrecklichen Wettin bleiben zu müssen.

Wettin, das sind ein paar kümmerliche Häuser und tote Straßenzüge um eine abgewirtschaftete Burg, die einst Stammsitz der Sachsenfürsten war und nun verschiedentlich genutzt wird, zum Großteil aber einfach nur verrottet wie ganz Wettin. Im Burg-Café gibt es kalten Apfelstrudel ohne Guten Tag und Auf Wiedersehen und den Ausblick auf die umliegenden Hügel, leider auch auf die ärmliche Stadt.

Nur um den Marktplatz ist es einigermaßen erträglich. Hier steht der Rathausturm seit 1660, der Wettiner Hof, das Café Werner … und das war's schon. Der Platz verengt sich zur Johannisstraße, hinter jedem zweiten Fenster starrt jemand auf die leere Straße hinaus … Ach, würde die Saale doch nicht so gnädig an diesem Ort vorüberziehen, würde sie doch einmal mit aller Wucht dieses Häufchen Elend fortspülen – dieser Flecken Erde könnte nur hinzugewinnen.

Wittenberg

Diese Stadt ist eine der schönsten von Sachsen-Anhalt, und eigentlich sogar schon wunderschön. Hier steht nicht nur allerhand herausgeputzte Geschichte herum, es hängt auch noch welche in Form von Gedenkplatten dran: Peter der Große, Dürer, Münzer – sogar eine für Lessing, der hier einst seine Magisterprüfung bestanden hat.

Aber sonst ist alles auf jene glorreiche Zeit getrimmt, in der Luther hier an der altehrwürdigen Universität Sprechstunde hatte und Lucas Cranach im Rathaus saß. Melanchthon steht zur Erinnerung auf dem Markt, das (thüringische) Luther-Bier wird in jedem Café der Altstadt ausgeschenkt und im „Souvenir-Laden No. 1“ gibt es eine spezielle Luther-Ecke mit Luther-Korn und Luther-Keks und natürlich der neuen englischsprachigen Luther-Biografie.

Aber die Kassiererin dort sieht sich gerade das Ende von Dirty Dancing auf dem Laptop an („Mein Baby gehört zu mir!“), und die einzige Namenskarte, die hier ausverkauft ist, heißt Kevin. Im Clack-Theater am Markt gibt es entweder Kabarett oder Travestie und die nächste große Lesung gibt Ute Freudenberg im Thalia-Buchladen. Doch das alles versaut den Gesamteindruck überhaupt nicht!

Denn hier heißen die Restaurants so sinnfällig wie Carpe Diem oder In Vino Veritas. Und auch wenn das Schloss vergammelt, verbreiten die Evangelische Akademie, das Evangelische Predigerseminar und die Stiftung für christliche Kunst – und natürlich die englische Kirchenlieder trällernden Seniorinnen am evangelischen Büchertisch vor der Jugendherberge ein ganz besonderes Ambiente, das in diesen heidnischen Breiten äußerst exotisch ist. Und auf so eine individuelle Note kommt es ja an.